Warum dieser Blog?
Juni 2007: wie alles begann…
Es war in Berlin. OK, dass ein Blog über den Alltag in der französischen Provinz mit einer Seite aus der deutschen Hauptstadt beginnt kann verwirren. Aber so war es: es war in Berlin, präziser noch es war im Europahaus hinter dem Brandenburger Tor, als mir der Gedanke kam, überhaupt zu diesem Thema zu schreiben. Ich saß dort mit einer Gruppe von deutschen und französischen Jugendlichen, die ich mittels Geldern des deutsch-französischen Jugendwerkes (DFJW) eine Woche lang hier mitbetreute. Zu diesem Treffen gehörte auch ein Vortrag über Mobilität in Europa. Der Vortrag war zu Ende, die Kids hatten gerade klar gemacht, dass keiner von ihnen große Lust auf Mobilität in der EU verspürte, und während sie schon ungeduldig zappelten, verabschiedete sich der Vortragende mit den Worten, er müsse nun zurück zu seiner Arbeitsgruppe, sie seien dabei, „zu versuchen zu verstehen, was Frankreich da gerade gewählt“ habe. Seiner Aussage nach grübelten ein paar Meter weiter einige Experten über das Ergebnis der letzten Präsidentschaftswahlen in meiner Heimat. Nicolas Sarkozy war kurze Zeit zuvor vor seiner sozialistischen Kontrahentin Ségolène Royal zum Präsidenten gewählt worden, und sowohl der Mann als auch sein Programm schienen der AG ein paar Sitzungen wert. Leider verschwand der Vortragende dann, und ich konnte nicht mehr in Erfahrung bringen über das Staunen der Experten. Ich wusste nur eins: wie ein Grossteil meiner Landsleute war ich ganz und gar nicht erstaunt.
Damit es klar ist: dies ist weder ein Blog über Sarkozysmus noch meine verkappte Autobiographie, auch wenn die Kapitel über Jobsuche (s. Kategorien/Archives) meine persönliche Erfahrung schildern. Aber wie es sich für einen Blog gehört ist es eine sehr persönliche Ansicht, die ich hier zum Besten geben werde. Denn ich möchte versuchen zu erklären bzw. zu erzählen, wie wir zu dem wurden, was wir heute sind, und warum wir nie wieder werden können, was wir immer zu sein dachten. Meines Erachtens wird Frankreich nämlich noch viel zu oft mit Urlaub und gutem Essen assoziiert. Aber Alltag in Frankreich ist harte Arbeit.
Nun kann man Fakten zur Geschichte oder zur Wirtschaft eines Landes heutzutage überall finden, Berichte und Reportagen aus seiner Hauptstadt regelmäßig lesen. Aber wirklich verstehen kann man Fakten und Zahlen nur, wenn man sie in einem größeren Kontext lesen kann. Im Falle dieses Blogs heisst der Kontext eben „Alltag in der (süd-) französischen Provinz“, und er soll nicht nur verstehen helfen, warum Nicolas Sarkozy Präsident der Republik wurde, sondern auch, warum wir so gut in der Improvisation sind, weshalb wir so oft schreien und streiken, oder auch, warum wir seit einigen Jahren national deprimiert sind. Dieser Blog soll, nun, nicht unbedingt Mitleid, aber doch zumindest Verständnis wecken für ein Volk, das noch nicht so lange aus der kollektiven Illusion erwacht, es sei eine grande nation.
Angesichts des einen oder anderen Beispieles wird manch ein Leser womöglich versucht sein auszurufen: „Frau! So ist es doch auch bei uns in Deutschland!“. Und grob betrachtet mag dies auch der Fall sein. Aber die Ähnlichkeiten bestehen nur bei einem oberflächlichen Blick, und im Detail stecken Unterschiede, die Welten ausmachen. Es ist ein bisschen wie mit dem Essen: auf dem ersten Blick sind alle, ob Deutsche oder Franzosen, mit einem Magen ausgestattet, und sowohl in Zwickau oder in Valence ist man im Umgang mit Messer und Gabel geübt. Und dennoch meint der Franzose mit „manger“ etwas ganz anderes als der Deutsche mit „essen“.
Nach fast 18 Jahren im Ausland musste ich mein Land wieder entdecken, kennen, und vor allem: verstehen lernen. Relativ jung, und wie viele, die im Ausland leben, das Herkunftsland maßlos idealisierend ging ich davon aus, südfranzösische Provinz, das sei wie Deutschland… nur eben schöner, besser, toller und, da ich aus dem Süden komme und in Hamburg studiert habe: wärmer. Die Realität war… nun, entdecken Sie es selbst, da ich diese teils witzige, oft schmerzhafte und immer ein wenig chaotische Erfahrung hier mit Ihnen teilen möchte.
Unter „Kategorien – Archives“ findet man Texte über meine Erfahrungen von 1994 bis 2008, die neuesten Artikel (ab 2009) sind jeweils in der entsprechenden Rubrik (2009 – La vie continue) zu lesen, ab April hoffe ich, wöchentlich schreiben zu können (Oktober 2009: OK, zweiwöchentlich!) Und weil auch sie zum Alltag in Frankreich gehören, möchte ich das eine oder andere Rezept, den einen oder anderen Wein, die eine oder andere schöne Ecke meiner Region vorstellen, mal in der einen, mal in der anderen Sprache! Sofern nicht anders angegeben sind alle Photos dieses Blogs übrigens © by mir!
Ein letztes Wort noch: der Südfranzose, so heisst es, neigt zur Übertreibung. Ich sage es lieber gleich: das stimmt. Aber ich habe aufrichtig versucht, es mit der Übertreibung nicht zu übertreiben…
Bonne lecture!