Dezember 2008: Und jetzt?

2009 März 24
by marieurdiales

Wie Frankreich immer mehr einer Bananenrepublik ähnelt und immer noch kein Fussball kann…

 

Das Radio meldete es heute Morgen in den Nachrichten: letzte Nacht starb wieder ein Obdachloser in Frankreichs Strassen. Es wurde errechnet, dass seit Anfang des Jahres fast täglich ein Obdachloser in Frankreichs Strassen gestorben ist. Es ist zwei Tage vor Weihnachten.

 

Beim fünften Toten im Dezember reagierte Ministerin für Wohn- und Stadtpolitik Christine Boutin mit dem Vorschlag, Obdachlose im Winter auch gegen ihren Willen in Heime zu stecken. Die Opposition schrie auf, es wird auch in Zukunft – noch – keiner zwangsuntergebracht, aber die Reaktion der Ministerin auf die Todesfälle ist typisch für die Art und Weise, wie in Frankreich seit Mai 2007 Politik gemacht wird. Reaktion statt Aktion. Worte statt Taten.

 

C’est un effet d’annonce, mais pas une vraie mesure“. Es ist eine Parole, keine wirkliche Maßnahme. Das hört man immer wieder in Frankreich. Genau wie: „Il n’y a pas de dialogue social“, es gibt keine Diskussion unter Sozialpartner. Oder auch „Sarkozy wacht morgens mit Ideen auf, aber abends hat er immer noch keine Lösung“, wie ein Komiker spottet. Alle Kommentare höre ich im Radio – „France Inter“ – am 3. Juni 2008 zwischen 8 und 9 Uhr. Zwei Zeitungen („Libération“ vom 26. Mai und „Le Canard Enchaîné“ vom 28. Mai) melden derweil, nur noch 35 % der Franzosen seien mit dem Präsident zufrieden, und ganze 29 % seien sogar sehr unzufrieden.

 

Dabei fing das zweite Quartal gar nicht mal schlecht an:

Am 15. Mai hat das staatliche statistische Amt INSEE die Zahlen des Wirtschaftswachstums für das Jahr 2007 verbessert, von geschätzten 1,9 auf realen 2,1. Die Regierung jubelt, die Opposition bzw. die, die sich dafür halten, ärgert sich über diesen „Triumphalismus„. Gleichzeitig schreibt die Wochenzeitung „Le Canard Enchaîné“, die bessere Zahl sei noch der Regierung von de Villepin gut zu schreiben, und nicht etwa den Reformen des Präsidenten. Zwei Tage später erscheint dann in der Tageszeitung „Le Monde“ die deutsche Zahl: 6 %. Da sagt keiner mehr was, weder rechts noch links.

 

Die Kaufkraft soll um 3,7 % gestiegen sein, meldet der Sender „France Inter“ am 16.5. in den Nachrichten. Die Tageszeitung „Aujourd’hui en France“, die seit Wochen regelmäßig die Preise für 31 Produkte aus dem Alltag verfolgt (gleiche Produkte, anonym an den gleichen Orten gekauft) stellt im Mai eine Preiserhöhung in und um Paris fest (plus 2,29 % seit dem ersten Kauf am 11. Januar 2008) aber eine Preissenkung (rund 3,07 %) in der Provinz. Am 5. Juni meldet die Presse, die Arbeitslosenzahl liege nun bei 7,2 %, die niedrigste seit 25 Jahren.

 

Doch außerhalb der Regierung freut sich keiner über die Zahlen.

 

Und das ist wohl das wirkliche Beunruhigende in diesem Zahlenkampf: der Vertrauensverlust des französischen Volkes in staatliche Institutionen und Zahlen. Die Erhebungsmethoden des staatlichen statistischen Amtes INSEE, so heißt es, seien der rasanten Entwicklung des letzten Jahrzehntes nicht gerecht. Die Zahlen stottern der Realität hinterher.

 

Die in den letzten Monaten gesunkenen Arbeitslosenzahlen z.B. werden regelmäßig in Frage gestellt. Denn kurze und/oder befristete Verträge, Teilzeitarbeit, manche Ausbildungsverträge… auch prekärste Stellen werden inzwischen statistisch wie ganze Stellen behandelt. Und wer einmal erlebt hat, wie leicht man aus den Statistiken rausgeschmissen werden kann, weiß, dass man es leicht aufgibt, wenn man ohnehin die Hoffnung schon aufgegeben hat und kein Arbeitslosengeld bekommt. Und wenn dann der Präsident noch behauptet, spanische oder belgische Hafenarbeiter würden 4.000 Stunden im Jahr arbeiten, was knapp 11 Stunden am Tag 365 Tage im Jahr entspricht, dann fragt sich ohnehin jeder gesunde Mensch, woher französische Politiker ihre Statistiken nehmen. Nachzulesen u.a. in „Le Canard enchaîné“ vom 28. Mai, ebenso wie eine andere Anekdote, laut der Sarkozy Schnapszahlen nachplappert, die ihm ein schwer gestörter Mitarbeiter eines Arbeitsamtes erzählt hat. Dieser recht phantasievolle Umgang mit Statistiken ist inzwischen bekannt, wenn es auch selten in anderen Zeitungen erwähnt wird…

 

Überhaupt das Vertrauen in die Politiker: eine beachtliche Zahl unter ihnen hatte, oder hat noch, mit der Justiz zu tun. Bis hin zum ehemaligen Präsidenten Chirac, und sein Premier de Villepin, die in der sog. Clearstream Affäre verhört wurden bzw. als Verdächtigte gelten. Und auch Sarkozy soll, glaubt man einigen (diskreten) Zeitungsartikel, in nicht ganz klaren Geschichten stecken, u.a. wegen der Finanzierung einer Wohnung in Neuilly. Der Bruder der Justizministerin landet wegen Drogendeals regelmäßig im Gefängnis, es laufen einige Prozesse gegen ehemalige oder noch Politiker, und bei den letzten Kommunalwahlen sind ein paar Betrugsversuche der dümmsten Art aufgeflogen, wie die inzwischen berühmte Strumpfgeschichte von Perpignan, wo ein Wahlhelfer Stimmzettel in seinen Strümpfen versteckt hatte, um sie zum Urneninhalt zu geben. Doch wie in einer Bananenrepublik bleiben alle Verantwortlichen in ihren Sessel, keiner tritt zurück. Wobei es ohnehin scheint, als habe seit Jospins lächerlichen Rücktritt 2002 die Geste jede Eleganz, jede Würde verloren. Wen wundert es da, dass das Volk seinen Politikern nicht mehr oder kaum noch über den Weg traut, und nicht mehr für den Besten stimmen will, sondern nur für den weniger Schlimmen…

 

Frankreich hat keine Helden mehr. Keine politischen, und keine sozialen. Die großen Figuren, die wir so liebten: Coluche, commandant Cousteau, der Abbé Pierre… im Augenblick ist keiner da zum lieben und bewundern.

 

Vor kurzem wurde eine Ehe gerichtlich annulliert, weil die Braut verschwiegen hatte, dass sie keine Jungfrau mehr war. Das Gericht hat dies anerkannt als „Verschweigen einer wichtigen persönlichen Eigenschaft“. Willkommen ins französische Mittelalter im Jahr 2008.

 

Dienstag, 27. Mai 2008. Zufällig sitzen wir um einen Tisch mit sechs Unbekannten, 300 km von zu Hause weg. Wir essen und übernachten in einem B&B, und siehe da, kaum ist der erste Begrüßungsschluck getrunken, wir haben uns nicht einmal vorgestellt, schon sprechen wir wieder, von wem? Richtig: vom Präsidenten. Alle um den Tisch sind privat gut gelaunt, aber national deprimiert: Monarchismus, Land, das untergeht, katastrophale Weltwirtschaftslage… Und dann diese Vulgarität an der Staatspitze… Und Oh mon Dieu! Haben Sie gesehen, wie er beim Papst immer mit seinem Handy gespielt hat ? Und Oh mon Dieu! Dieser Komiker da, der so eng mit ihm befreundet ist, der ist ja soooooo vulgär! Etc etc etc etc etc… Wir sind acht am Tisch, und wie es scheint hat keiner für ihn gestimmt. Und es ist ein ganz normales B&B, kein Schlupfloch für linkes Gesindel. Wo aber sind dann die 53 % Wähler vom Frühjahr 2007?

 

Und vor allem:

Würden sie heute wieder für Sarkozy stimmen? Ja. Ich denke ja. Auf ein Paradox mehr oder minder kommt es diesem Land ja schließlich nicht an. Und vor allem: es ist ja sonst niemand da. Rechts lässt Sarkozy keinen Platz, so sieht es jedenfalls aus, oder aber alle, die nicht zu seinem Fanclub gehören lauern im Schatten seiner Grosstuerei und warten, bis er sich selbst vernichtet hat. In der Mitte kämpft Bayrou darum, ein paar Mitglieder in seiner Partei zu behalten. Und links ist nichts. Gar nichts, bzw. kaum was. Auf der politischen Bühne, als Opposition, hört man die Sozialisten kaum, oder wenn, dann weil die Parlamentarier der Regierungspartei „vergessen“, an einer Abstimmung teil zu nehmen, wie bei den GMOs. Das Trauerspiel links dauert an, seit Jospin sich beleidigt zum Schmollen zurück gezogen hat. Von den Grünen hört man nix, und bei den ganz Linken war die prägendste Debatte in den letzten Monate die darum, ob ihr Parteivorstand in einer hochbürgerlichen Sonntagsshow als Ehrengast auftreten darf oder nicht. Links ist es in Frankreich leer.

 

… Obwohl sich auf sozialistischer Seite immer mehr Kandidaten tummeln, um im Herbst den Parteivorsitz zu übernehmen, aber da wiederum sind es so viele, dass sie sich quasi gegenseitig auslöschen, so als würde aus lauter Plus ein Riesenminus werden. Die Sozialisten haben Kandidaten, aber keine Parteilinie, kein Programm. Nicht mal mehr eine Definition dessen, was Sozialismus überhaupt ist haben sie noch. Der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, hat Ende Mai ein Buch veröffentlicht « De l’audace », z. Dt. etwa „Wir brauchen Kühnheit“ (Robert Laffont, Paris, 2008) in dem er sich zum Liberalismus bekennt. Ein Begriff, mit dem man in Frankreich noch nicht sehr viel anzufangen weiß. Mal steht er für Freiheit im humanistischen Sinne, mal für die als antisozial gefürchtete freie Marktwirtschaft. Jetzt streiten sich die Sozialisten darum, wer sozialer, wer liberaler, wer dieses, wer jenes ist, aber welche Politik sie konkret machen würde, das weiß noch niemand. Wie immer werden wir wohl erst kurz vor den nächsten Wahlen ein Programm bekommen. Einen Plan für die zukünftige französische Gesellschaft.

 

Als im Herbst nach wochenlangem Gerangel schließlich Martine Aubry zur Parteivorsitzenden gewählt wird, knirschen viele mit den Zähnen. Nicht, weil Aubry als unfähig gilt. Aber ihr Vorsprung ist knapp, so knapp, dass ihre Kontrahentin Ségolène Royal auf neue Stimmzählung besteht. So knapp, dass sich z.Z. niemand vorstellen kann, dass die Sozialisten bald wieder mit einer Stimme sprechen können.

 

Dabei sollte man meinen, internationale Finanzkrise und nationale Kürzungen im öffentlichen Dienst würden gerade den linken Parteien wieder Rückenwind geben. Zumal die Unruhen in den Strassen langsam wieder aktuell werden, und für Januar große Streikbewegungen und Demonstrationen angekündigt werden, allen voran von Lehrern und Schülern. Dieses Jahr wurden 10.000 Lehrerstellen abgebaut, 16.000 sollen folgen, und die Lehrpläne, die Ausbildung der Lehrer, die Stundenverteilung in den Schulen, dies alles soll geändert werden. Wie immer von oben herab. Auch hier: dass geändert werden muss ist allen klar. Frankreichs Schulen werden weder unserem Zeitalter noch europäischen Standards gerecht. Aber wie immer sieht man von außen bei jeder Entscheidung der Präsident-Regierung nur Willkür, keine Reflexion, keine Absprache… und schon gar keine Kenntnis der Realität. Nach anderthalb Jahren Sarkozy fängt man an, seine Ankündigungen mit den tatsächlichen Maßnahmen zu vergleichen, und siehe da, es ist kein sehr soziales Frankreich, was dabei rauskommt. Aber auch kein wirtschaftlich effizientes.

 

Was wäre aus dem französischen EU-Vorsitz geworden, hätte es keine Georgien-, keine Finanzkrise gegeben?

 

Frankreich ändert sich, und das soll sich auch bald in einer veränderten Verfassung wiederspiegeln. Doch im Augenblick wirkt vieles immer noch reichlich chaotisch. Überhaupt hat man anderthalb Jahren nach Sarkozys Wahl den Eindruck, seine Politik bestünde hauptsächlich aus ad hoc Entscheidungen, wie z.B. die baldige Pflicht von Feuermelder, nachdem ein Kind bei einem Hausbrand gestorben ist. Natürlich sollte niemand bei Hausbränden sterben. Doch täuschen solche großartig inszenierte Entscheidungen, die in erster Linie an Emotionen appellieren, oft über ganz andere Probleme hinweg, die dann wiederum verschwiegen werden: Pestizide in französische Weine, Unfälle in Nuklearzentralen, häufige Smogalarme, Tote in Strassenunfälle (wobei man hier fairerweise sagen muss, dass die repressiven Massnahmen wohl etwas Wirkung zu zeigen scheinen) schwindende Kaufkraft, Zustände in den Krankenhäuser… Endlos liesse sich die Liste fortsetzen, wie in anderen Länder wohl auch. Aber in Frankreich sind wir immer öfters konfrontiert mit Scheinmaßnahmen, die vor allem eins erfüllen: ihre PR-Berufung.

 

Erklärungen, Finanzierungen, Gesamtbild, Zukunftsperspektive… keine Ahnung, davon ist nichts zu spüren. Chaos überall. Auch jetzt wieder, Anfang Juni: auf der einen Seite sprechen Mitglieder der Regierung davon, die 35 Stunden langsam abzuschaffen, auf der anderen Seite bestreitet der Präsident das Vorhaben, unter anderem, weil Überstunden und deren Steuerfreiheit zu den Maßnahmen gehören, die er eingeführt hat, um die Kaufkraft zu erhöhen. Frankreich, so kommt es mir vor, ist wie ein großes verlorenes Boot, dessen Kapitän das Ruder mal rechts, mal links reißt, aber im Grunde nicht weiß, worauf er hinsteuern soll.

 

Um von seiner Planlosigkeit abzulenken, so scheint es mir, stürzt sich der Präsident seit kurzem wieder in die Schlagzeilen, besucht einen großen Pariser Markt morgens um fünf, taucht persönlich bei Familien auf, deren Kinder in einem Busunfall ums Leben gekommen sind, ist wieder überall und nirgends mit dabei in den vermischten Nachrichten, mit seinem inszenierten Mitgefühl und seinen beschützenden Tönen. Nach einer kurzen (Medien-) Pause will er die Kontrolle wohl wieder an sich reißen. Gleichzeitig kann man in den Zeitungen oder im Net lesen, bei seinen Besuchen in der Provinz seien die Sicherheitsvorkehrungen derart polizeilich überwacht, dass selbst Flyers und Plakate den Anti-Sarkozysten aus der Hand gerissen werden und willkürliche Verhaftungen stattfinden, wie u.a. in der Tageszeitung Libération vom 22. Mai (S. 7) zu lesen. Zuckerbrot und Peitsche, Meinungsfreiheit in Frankreich.

 

Gleichzeitig ähnelt die Republik immer mehr einer schlechten Boulevard Komödie. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwas ist im Sarkoland. Wie am 4. Juni, als ein neues Titelbild der Gattin (an denen es nach wie vor nicht mangelt. Ich meine jetzt Titelbilder) erscheint, das den Titel trägt: „La présidente“, die Präsidentin. Dort thront sie also am Schreibtisch ihres Mannes, der sich bescheiden im Hintergrund hält. Das ist wohl die neue PR-Masche: die Frau nach vorne. Im Text wiederum kann man von einem Buch über das neue Paar lesen (auch daran mangelt es hier nicht) und in dem von der zickigen Beziehung zwischen Ehefrau und Justizministerin und ehemals beste Freundin der Ex-Frau des Präsidenten, die Rede ist. Rachida Dati wiederum ist wohl vor dem Parlament richtig durchgeknallt, und wenn zwischendurch ein paar Vorsitzende von départements dafür kämpfen, dass die départements ihre Nummern behalten, weil „mit den départements weiß man wenigstens, woher man kommt, und wenn man auf der Strasse jemanden mit der gleichen Nummer sieht, dann ist es so, als trifft man einen Freund, und den Kindern macht es Spaß, heraus zu finden, ob 06 Alpes Maritimes oder Alpes de Haute Provence ist“, kurz, morgens macht man das Radio an und mag schon gar nicht mehr darüber nachdenken, was man von diesem Schauspiel überhaupt halten soll.

 

Was bleibt, ist die Hoffnung: es kann ja auch sein, dass Sarkozys Verhalten genau das Gegenteil bewirkt, und dass das Land aus dem Widerstand heraus modern wird. Vielleicht lernen wir endlich, nicht mehr an einen Retter zu glauben, und retten uns selbst. Vielleicht werden wir endlich Demos-kratisch.

 

 

11. Juni, „France Inter

Der Staatssekretär für Arbeit ist im Radio, um die neuen Reformen im Arbeitsrecht zu erklären. Manches ist einleuchtend, wie z.B. die Vorstellung, dass Arbeitslose nicht nur Rechte sondern auch gewisse Pflichten haben sollen. Geplant ist, dass man als Arbeitsloser nicht mehr als zwei Jobs wird abschlagen dürfen, sofern die Angebote nicht weiter als eine Stunde vom Wohnort entfernt sind, und das Gehalt nicht weniger als 80 % des letzten Gehalts beträgt. Ansonsten verliert man jeden Anspruch auf Arbeitslosengeld. Offres tolérables, zumutbare Angebote. In der Theorie mag eine Mehrheit der Franzosen sogar für diese Regelung sein, nur: die meisten wissen, dass die Realität nichts mit der Theorie zu tun hat. Wie immer in dieser Sendung können Hörer anrufen, und das tun sie heute besonders aktiv. Auch Angestellte des Arbeitsamtes rufen an, anonym, und berichten, nicht die Annahme solcher und solcher Jobs durch Arbeitslose sei das Problem. Das Problem sei, dass es keine bzw. kaum Angebote gibt, auch keine zumutbaren. Andere rufen an, Grenzler, die im Elsass leben aber in Deutschland arbeiten. Sie erzählen, wie die Betreuung von Arbeitslosen jenseits des Rheines aussieht. Dort gäbe es eine persönliche Betreuung, jemand, der die Akten der Arbeitslosen kenne. Aber in Frankreich würde einem immer der Eindruck gegeben, Arbeitslose seien selbst Schuld an ihrem Unglück. Der sozial schwache als Parasit. Die Zahlen des Sekretärs werden von den Journalisten angezweifelt, die Sendung endet mit der Meldung, der Staat müsse sparen, weil die Kassen nun mal leer seien. In den darauf folgenden Nachrichten erfährt man, die Unterhaltskosten für den Elysée Palast seien um acht Prozent gestiegen… Nicht der Staat, das Volk spart. Der Herrscher gibt derweil immer mehr Geld aus…

 

Kurz vor dem 1. Juli und der Übernahme der EU-Präsidenschaft beginnt Sarkozy, etwas vorsichtiger zu werden, aus der chère Angela wird wieder Madame Merkel… Kurz vor dem irischen Referendum, dessen negatives Ergebnis jetzt schon prophezeit wird, erwähnt Sarkozy einen deutsch-französischen Plan B, den es geben soll. Kein rein französischer Vorstoß wie angeblich beim Lissabonner Vertrag dieses Mal. Der deutsche Partner darf nicht wieder verärgert werden. Aber niemand glaubt mehr daran, weder an einen Plan B, noch an eine harmonische deutsch-französische Partnerschaft…

 

Frankreich fliegt beim Euro 2008 raus. Bei der Rugby-WM wurde noch ungeheuer viel inszeniert, als seien die Schicksale der Mannschaft und die des Landes miteinander verwoben auf ewig. Der damalige Trainer Bernard Laporte, der kurz davor stand, seinen neuen Posten als Staatssekretär im Sportministerium anzutreten, wollte es besonders gut machen und nahm einen Brief zu Hilfe, der dem Präsidenten besonders wichtig war: der Brief von Guy Moquet. Guy Moquet, ein junger Kommunist, der von den Nazis erschossen wurde, hatte vor seiner Hinrichtung einen Brief an seine Eltern geschrieben. Diesen Brief, in dem es um Mut, Ideale und den Widerstand eines jungen Mannes geht, wollte der frisch gewählte Präsident in ganz Frankreich zum Schuljahresbeginn in allen Schulklassen vorgelesen wissen. Als braver Vasall des Präsidenten las Laporte persönlich den schönen und traurigen Abschiedsbrief dem Team vor dem ersten Spiel vor. Das Ergebnis: ein niedergeschlagenes Team und eine beschämende Niederlage.

 

Beim Euro 2008 geht es sehr diskret zu. Man hört nichts von Sarkozy. Aber von den Menschen umso mehr.

 

Am 14. Juni bin ich in Paris, als während des Euro 2008 das Spiel Frankreich gegen Holland stattfindet. Mit Freunden sitzen wir in einem Restaurant und schauen dem 4:1 Desaster zu. Franzosen aller Herkünfte zittern bei jedem Tor für ihre Mannschaft, Wahlfranzosen aller Länder klatschen mit, als das einzige französische Tor fällt, und jammern, als die Holländer uns nach und nach jede Hoffnung zerschlagen. Ich denke an ein Lied der französischen Rapperin Diam’s: „Ma France à moi“. Das ist mein Frankreich. Das ist unser Frankreich. Bunt, leidenschaftlich, humanistisch… und zur Zeit im Fußball eher schlecht!

 

Am nächsten Morgen fällt die irische Entscheidung zum Lissabonner Abkommen.

 

Zwei Tage später, am 17. Juni, höre ich in den Fernsehnachrichten, von 33 Familien mit mindestens einem Gehalt seien 24 auf die Hilfe des Secours populaire angewiesen, ein Wohlfahrtsverband, der hauptsächlich Essen ausgibt und billige Lebensmittel anbietet. 24 von 33.

 

Eine andere französische Zahl, die an diesem Tag in den 20 Uhr Nachrichten des zweiten öffentlichen Senders France 2 fällt:

In 471 französischen Gemeinden seien Truppen der französischen Armee niedergelassen. Da diese mit ihren Familien in den Dörfer und kleinere und mittlere Städte leben, tragen sie nicht unwesentlich zur wirtschaftlichen Lage bei. Nun sollen in 20 bis 30 Gemeinden die Truppen abgezogen werden, was in Frankreich, das ja hauptsächlich aus kleinen Gemeinden besteht, für erhebliche Turbulenzen sorgen wird. Schulklassen werden mangels Kinder schließen müssen, kleine Läden werden sich nicht über Wasser halten können, bestimmte Subventionen könnten entfallen… Der Präsident höchstpersönlich erklärt die Notwendigkeit des Abzugs:

 

Die Gefahren, die über Frankreich schweben, hätten sich geändert. Terrorismus bzw. dessen Bekämpfung stehe im Mittelpunkt aller Bemühungen, die Cyberwelt sei zu einer Bedrohung geworden, die chemischen Waffen seien überall, und überhaupt: die Welt sei instable geworden, ungefestigt. Gefährlich…

 

Nun ist es sicherlich richtig, dass sich die Bedrohungen, denen sich die demokratischen Gesellschaften ausgesetzt sehen, sich verlagert haben. Weder ich noch andere können ernsthaft glauben, zumindest in vollem Ausmaß, beurteilen zu können, welche Maßnahmen unternommen werden müssen, um den Frieden, den wir uns erkämpft haben, zu verteidigen. Und es mag auch richtig sein, dass die traditionelle französische Armee reformiert werden muss. Dies ist ja bereits sowohl in Frankreich als auch in Deutschland teilweise durch die Reformen des Wehrdienstes angesetzt worden. Aber es ist, immer wieder, der Ton. Diese Angstmacherei. Das Volk besteht aber nicht aus dummen kleinen Kinder, bei denen man Panik auslösen muss, damit sie, aus Angst, nicht aus Überzeugung, zustimmen. Und man kann es dem Volk auch nicht verübeln, dass es nicht sofort die Gefahren aus der Cyberwelt oder sonst woher erkennt, auch wenn seine Hauptstadt bereits mehrmals Opfer von Attentate war. In Zeiten des Friedens auf eigenem Boden denkt das Volk zunächst an Alltag: an Schulen, Kommerz, Steuern, Kaufkraft… Es ist legitim. Und es ist legitim wenn es sich fragt, wie viel Zeit ihm für die Umstellung gelassen wird – doch Zeit, unter dem président Duracell, ist wohl ein seltenes Gut geworden – und inwieweit er mit impliziert wird in Entscheidungsprozesse, die ihn konkret und direkt betreffen.

 

Aber wir werden nicht impliziert. Wir werden bedudelt. Der Staat startet eine große Werbekampagne über das Fernsehen um uns zu erklären, wie viel schon für die Besserung der Kaufkraft unternommen wurde. Aber die Verbraucher sehen keinen Unterschied an den Kassen der Supermärkte.

 

Carla Sarkozy bringt im Juli ihre dritte Platte raus. La présidente dudelt jetzt schon ebenfalls über unsere Köpfe, zum Teil mit erschreckender Komplizität der Medien.

 

Eine Angestellte des Sozialamtes denunziert Menschen, die keine gültigen Papiere haben. Und ich muss mich fragen, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht habe. Ob Frankreich nicht vielleicht doch immer weiter rechts abdriftet. Nicht einfach rechts. Verdammt rechts. Ob wir uns nicht schließlich doch selbst verlieren in unseren Paradoxa…

 

Frankreich, Dezember 2008.

Die Zahlen werden immer schlechter: Arbeitslosenzahlen, Defizite, Staatsverschuldung… Viele spotten bereits, dass Sarkozy als einer der wenigen von der Finanzkrise profitieren wird, weil diese den katastrophalen Ergebnisse seiner Politik als Alibi dienen wird.

 

Noch liegen keine Zahlen vor. Aber hier vor Ort kann ich nur feststellen, wie leer die Geschäfte sind, auch zwei Tage vor Weihnachten. Haben die Menschen vorgesorgt, oder geben sie einfach weniger aus? Im Januar werden wir wohl die ersten Bilanzen haben.

 

Ab dem 5. Januar wird es nach 20 Uhr keine Werbung mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geben. Dafür mehr Werbepausen in den Privaten. Die so entfallenden Mitteln wurden nicht ersetzt. Wie sich – außer durch die relativ niedrige Fernsehgebühr – die Anstalten von nun an werden finanzieren können, steht nicht fest. Auch wir Franzosen kommen nun also in den Genuss von zwei oder drei Werbepausen pro Spielfilm, was uns bisher erspart wurde. Nivellierung nach unten, doch dramatischer noch: der Verantwortlicher eines Privatsenders behauptete kürzlich, Werbung sei schliesslich auch Kultur und es sei wichtig, sie zu fördern. Sarkozy spricht von Qualität à la BBC – nur eben ohne deren Budget – seine Gegner nennen ihn Berluscozy.

 

Frankreich ändert sich, wie, lässt sich im Augenblick nicht voraussagen, doch wir wirken nicht wie eine Gesellschaft, die sich aus sich heraus, mit Überzeugung und Willen, entwickelt. Die Grande nation wirkt eher wie ein Land, das langsam resigniert, und sich dort beugt, wo sie sonst immer stolz aufrecht stand.

 

Ein Schuss schwarzer Humor bleibt uns indessen – noch – erhalten:

die Woodoo-Puppe mit präsidentialem Gesicht ist ein Renner im Weihnachtsgeschäft…

 

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